Unter Geoscoring versteht man ein mathematisch-statistisches Verfahren, das Finanzinstitute im Rahmen der Bonitätsprüfung einsetzen. Ziel ist es, die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls (Adressausfallrisiko) zu prognostizieren, bevor ein Kredit gewährt wird. Dabei wird aus einer Vielzahl von Einzeldaten ein Score-Wert ermittelt, der den Antragsteller in eine bestimmte Risikoklasse einstuft. Je niedriger dieser Wert ausfällt, desto höher schätzt die Bank die Gefahr ein, dass der Darlehensnehmer seinen vertraglichen Verpflichtungen in der Zukunft nicht nachkommen kann.
Datengrundlage und soziale Faktoren
Im Gegensatz zum konventionellen Scoring, das primär auf der individuellen Kredithistorie basiert, bezieht das Geoscoring das soziale Umfeld und den Wohnort des Antragstellers massiv mit ein. Neben demografischen Merkmalen wie Alter und Geschlecht wird die geografische Lage der Wohnung zum entscheidenden Faktor. Hierbei wird die Annahme getroffen, dass Personen, die in einem Viertel mit statistisch hoher Verschuldungsquote leben, selbst ein höheres Ausfallrisiko tragen – unabhängig von ihrer persönlichen finanziellen Situation. Diese Einbeziehung von Nachbarschaftsdaten wurde 2007 gesetzlich legitimiert, wird jedoch seitdem kontrovers diskutiert.
Kritik durch Verbraucherschützer und Datenschützer
Verbraucherverbände und Datenschützer üben scharfe Kritik an dieser Praxis. Der Hauptvorwurf lautet auf Diskriminierung: Durch Geoscoring können bonitätsstarke Kunden allein deshalb schlechtere Konditionen erhalten oder abgelehnt werden, weil sie in einer „falschen“ Postleitzahlregion wohnen. Kritiker weisen darauf hin, dass eine Ableitung der individuellen Kreditwürdigkeit aus dem Verhalten wirtschaftlich völlig unverbundener Nachbarn unlogisch und unpair ist. Dennoch bleibt die Wohnanschrift aus Sicht der Banken ein kostengünstiger und leicht verfügbarer Indikator für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit ganzer Straßenzüge.
Auswirkungen auf Kreditentscheidungen
Das Ergebnis des Geoscorings hat direkte Auswirkungen auf die Darlehenskonditionen. Ein schlechter Score-Wert kann dazu führen, dass die Bank den Kreditantrag vollständig ablehnt oder das erhöhte statistische Risiko durch einen Risikoaufschlag auf den Sollzins kompensiert. Da die genauen Algorithmen und die Gewichtung der einzelnen Faktoren von den Auskunfteien als Geschäftsgeheimnis gehütet werden, bleibt der Prozess für den Endverbraucher völlig intransparent. Kreditinteressenten haben somit kaum eine Möglichkeit, gezielt Einfluss auf ihren Score-Wert zu nehmen, außer durch einen physischen Umzug in eine „bessere“ Gegend.
FAQ
Darf eine Bank meinen Kreditantrag allein aufgrund des Geoscorings ablehnen?
Nach aktueller Rechtsprechung darf ein Score-Wert nicht das alleinige Kriterium für eine Ablehnung sein. Er dient jedoch als gewichtiger Baustein in der Gesamtbewertung. In der Praxis führt ein schlechter Geo-Score oft dazu, dass die Bank zusätzliche Sicherheiten fordert oder den Prozess abbricht, ohne dies explizit nur mit der Wohnlage zu begründen.
Wie erfahre ich, ob mein Wohnort mein Scoring negativ beeinflusst?
Sie haben nach der DSGVO das Recht auf eine kostenlose Selbstauskunft bei großen Auskunfteien wie der SCHUFA. Dort muss zwar nicht der exakte Algorithmus offengelegt werden, aber es muss ersichtlich sein, welche Kategorien von Daten (inklusive geografischer Merkmale) zur Berechnung Ihres Score-Werts herangezogen wurden.
Kann ich mich gegen eine schlechte Bewertung durch Geoscoring wehren?
Ein direkter Widerspruch ist schwierig, da die Daten oft auf statistischen Durchschnittswerten beruhen. Wenn Sie jedoch nachweisen können, dass falsche individuelle Daten (z. B. eine falsche Adresse oder veraltete Kontoinformationen) vorliegen, müssen diese korrigiert werden, was indirekt auch den Gesamtwert verbessern kann.
